Oder, warum gelingt es trotz wachsender Anforderungen, zahlreicher digitaler Werkzeuge und immer neuer Regulierungen noch nicht, Nachhaltigkeit konsequent in Bauprojekten zu verankern?
Bericht aus dem Workshop 2 der 6. Fachtagung «Digitale Transformation in der Bau- & Immobilienbranche», 02.07.2026.
Die Anforderungen an das nachhaltige Bauen nehmen stetig zu. Klimaneutralität, Kreislaufwirtschaft, Biodiversität, ESG-Berichterstattung oder neue regulatorische Vorgaben stellen Bauherrschaften, Planende und Hersteller vor immer komplexere Aufgaben. Gleichzeitig entstehen laufend neue digitale Werkzeuge: von BIM über digitale Produktpässe bis hin zu Materialdatenbanken und Ökobilanzberechnungstools.
Vor diesem Hintergrund widmete sich unser Workshop an der 6. Fachtagung «Digitale Transformation in der Bau- & Immobilienbranche», welche am 2. Juli 2026 ab 13:00 Uhr im Kongresshaus Zürich stattgefunden hat, der Frage:
Wie können Datenqualität und Datendurchgängigkeit verbessert werden, um nachhaltige Bauprozesse wirksam zu unterstützen?

Digitalisierung beginnt nicht bei den Werkzeugen
Ein zentrales Ergebnis des Workshops war die Erkenntnis, dass Digitalisierung häufig zu stark als technologische Fragestellung verstanden wird. Dabei schaffen digitale Werkzeuge allein noch keinen Mehrwert. Vielmehr entsteht dieser dort, wo Informationen strukturiert (Syntax), eindeutig interpretiert (Semantik) und im fachlichen Kontext verknüpft (Ontologie) sind. Erst wenn Informationen eine geteilte Bedeutung haben und in Beziehung zueinander stehen, können sie projektübergreifend genutzt werden. Diese Datenqualität ermöglicht eine Datendurchgängigkeit über Fachdisziplinen und Projektphasen hinweg, und damit kohärente Prozesse.
Die Diskussion zeigte deutlich: nicht fehlende Daten sind heute das Hauptproblem. Viel häufiger gehen Informationen an Schnittstellen verloren, werden mehrfach erfasst oder sind für andere Projektbeteiligte nicht ohne Weiteres nutzbar.
Bestellungskompetenz als Schlüssel für nachhaltige Projekte
Eine der wichtigsten Erkenntnisse des Workshops war die Bedeutung der Bestellungskompetenz. Nachhaltigkeit entsteht nicht allein durch digitale Werkzeuge oder regulatorische Anforderungen, sondern beginnt bereits mit einer klaren und bewussten Bestellung. Bestellungskompetenz bedeutet, die eigenen Projektziele frühzeitig zu definieren, die benötigten Informationen bewusst einzufordern und die Rollen sowie Verantwortlichkeiten im Projekt klar festzulegen. Wer Nachhaltigkeit bestellt, sollte deshalb nicht nur ein gewünschtes Label oder einen Zielwert definieren, sondern auch festlegen, welche Informationen im Projekt benötigt werden, und wie diese über den gesamten Lebenszyklus genutzt werden sollen. Umso mehr kann eine bewusste Bestellung helfen, eine gemeinsam nutzbare Datenqualität zu definieren, damit sie im ganzen Prozess und über möglichst viele Disziplinen nutzbar werden kann.

Nachhaltigkeit muss früher Teil des Prozesses werden
Ein weiterer Schwerpunkt war die Rolle der Nachhaltigkeit innerhalb von Bauprojekten.
Viele Teilnehmende stellten fest, dass Nachhaltigkeitsanforderungen häufig erst dann vertieft behandelt werden, wenn Nachweise erbracht oder Zertifizierungen erreicht werden müssen. Zu diesem Zeitpunkt sind wesentliche Entscheidungen jedoch oftmals bereits gefallen. Aus den Gruppendiskussionen liess sich klar herausschälen, dass Nachhaltigkeit und BIM müssen frühzeitig gemeinsam an einem Tisch sitzen.
Nur wenn die Informationsbedürfnisse aller Beteiligten bereits zu Projektbeginn diskutiert werden, können gemeinsame Datenstrukturen, Verantwortlichkeiten und Prozesse entstehen. Datendurchgängigkeit ist deshalb weniger eine technische als vielmehr eine organisatorische Aufgabe.

Standardisierung allein reicht nicht
Mehrfach wurde die Bedeutung gemeinsamer Standards und harmonisierter Anforderungen betont. Gleichzeitig wurde kritisch hinterfragt, weshalb trotz zahlreicher Normen, Richtlinien und regulatorischer Entwicklungen viele Herausforderungen bestehen bleiben.
Die Präsentation von Mailin Jappé (Materius) zeigte eindrücklich, dass das Problem häufig nicht im Fehlen von Informationen, sondern im Umgang mit ihnen liegt.
Gerade im Bereich der Material- und Produktdaten existieren heute bereits unzählige Informationen – von Umweltproduktdeklarationen (EPDs) über Herstellerdatenblätter bis hin zu Zertifizierungsnachweisen oder Anforderungen aus SNBS, DGNB und KBOB. Diese Daten werden jedoch aus unterschiedlichen Perspektiven beschrieben und verwendet. Jede Organisation spricht gewissermassen ihre eigene Sprache. Architekt:innen, Fachplanende, Nachhaltigkeitsberater:innen oder Unternehmer:innen recherchieren deshalb häufig parallel dieselben Informationen – jeweils mit Blick auf ihre eigenen Anforderungen. Der grösste Aufwand entsteht dabei oftmals nicht beim fachlichen Prüfen eines Produkts, sondern bereits beim Auffinden, Interpretieren und Zusammenführen der relevanten Informationen.
Eine wichtige Erkenntnis des Workshops war deshalb:
Regulierung entfaltet ihren Nutzen erst dann, wenn sie von Wissenstransfer und einem gemeinsamen Verständnis begleitet wird.
Genau hier setzte der Input von Materius an: Unterschiedliche Anforderungen und Datenquellen werden auf die konkreten Anforderungen eines Bauprojekts abgebildet. Informationen werden nicht nur gesammelt, sondern in einen gemeinsamen fachlichen Zusammenhang gebracht. Was heute häufig implizit im Wissen einzelner Personen steckt, wird explizit dokumentiert und für alle Projektbeteiligten nutzbar gemacht.
Diese Erkenntnis knüpfte unmittelbar an die Diskussionen im Workshop an. Neue Anforderungen müssen nicht nur definiert, sondern von allen Beteiligten gleich verstanden werden – von Bauherrschaften über Planende bis hin zu Herstellern und Unternehmern. Erst dadurch entstehen bewusste Bestellungen, klare Projektziele und letztlich eine Datendurchgängigkeit, die nachhaltige Prozesse unterstützt.
Eine Bestellung sollte sich deshalb nicht auf eine angestrebte Zertifizierung oder eine Labelstufe beschränken. Ebenso wichtig ist es, frühzeitig festzulegen, welche Informationen im Projekt benötigt werden, wer diese bereitstellt und wie sie über den gesamten Lebenszyklus weitergegeben und genutzt werden können.

Was nehmen wir mit?
Aus den Diskussionen lassen sich vier zentrale Erkenntnisse ableiten:
- Digitalisierung ist kein Selbstzweck. Ihr Mehrwert entsteht erst durch durchgängige Prozesse und eine hohe Datenqualität.
- Datenqualität bedeutet mehr als vollständige Datensätze: Informationen müssen strukturiert, eindeutig verständlich und fachlich verknüpft sein.
- Nachhaltigkeit muss von Beginn an Teil des Projekts sein. Die relevanten Informationsbedürfnisse aller Disziplinen sollten möglichst früh gemeinsam definiert werden.
- Bestellungskompetenz ist eine zentrale Voraussetzung für erfolgreiche Nachhaltigkeitsstrategien. Nur klar formulierte Anforderungen führen zu klaren Prozessen und den richtigen Informationen.
- Datendurchgängigkeit beginnt bei den Menschen. Klare Rollen, gemeinsame Begriffe und frühzeitige Zusammenarbeit sind wichtiger als zusätzliche Software.
- Standards und Regulierung benötigen Wissenstransfer. Nur wenn Anforderungen verstanden und gemeinsam umgesetzt werden, können sie ihre Wirkung entfalten.
Fazit
Der Workshop hat gezeigt, dass die Herausforderungen des nachhaltigen Bauens heute weniger in fehlenden digitalen Werkzeugen liegen als in der fehlenden Verbindung zwischen Anforderungen, Informationen und Prozessen. Nachhaltigkeit scheitert nämlich selten an fehlender Digitalisierung. Sie scheitert häufig daran, dass Informationen, Verantwortlichkeiten und Prozesse nicht gemeinsam gedacht werden.
Gerade darin liegt jedoch eine grosse Chance: Wenn es gelingt, Datenqualität als gemeinsame Grundlage zu verstehen und Nachhaltigkeit frühzeitig in die Projektorganisation einzubinden, können digitale Werkzeuge ihr Potenzial entfalten, und somit effizientere, transparentere und nachhaltigere Bauprozesse unterstützen.
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