Wenn man sich mit Daten-Themen auseinandersetzt, ist „Datenräume“ schon einige Zeit ein geflügeltes Wort. Was die aktuellen Entwicklungen im Thema sind, habe ich am Swiss Data Spaces Forum in Rotkreuz mit anderen Interessierten diskutiert.
Quelle Header-Bild: Swiss Data Alliance
Datenräume
Letzten Dienstag traf sich die Schweizer Daten-Community in Rotkreuz zum diesjährigen «Swiss Data Spaces Forum». Etwa 150 Personen aus Verwaltung, Wirtschaft und Forschung (und damit etwa 20 mehr als im Vorjahr) diskutierten darüber, wie die Schweiz dank Datenräumen oder Data Spaces mehr Wert aus ihren Daten ziehen kann. Ich war vor Ort, habe alle Slides gesehen, an Workshops mitgewirkt und einige zentrale Einsichten mit nach Hause genommen.
Zum Einstieg gab es einige Opening Remarks vom Organisationskomitee bzw. der Gastgeberschaft rund um André Golliez (Swiss Data Alliance), Sarah Hauser (HSLU) und Andreas Meyer (digitalswitzerland) gefolgt von einer kurzen Präsentation der im Auftrag von digitalswitzerland und der Swiss Data Alliance erarbeiteten Studie «Data-Sharing-Initiativen und Datenräume in der Schweiz: Übersicht, Stand und Handlungsbedarf – ein Diskussionsbeitrag», die den Teilnehmenden bei der Registrierung am Morgen in die Hand gedrückt worden war.
Denkanstösse zum Schweizer Datenökosystem
In der Folge gab es vier Keynotes bzw. Input-Referate: Georges-Simon Ulrich vom BFS sprach über «The power of collaboration: Turning data into value». Er erläuterte die Kompetenzen des BFS in den Bereichen Statistik, Datenbewirtschaftung und Datenwissenschaften, die es in gut 20 Themen (gemäss Georges-Simon Ulrich: quasi Datenräume avant-la-lettre) einbringt. Wichtige Basisinfrastrukturen aus Sicht des BFS sind die Interoperabilitätsplattform I14Y (die lange antizipierte Umbenennung naht offenbar) mit Angaben zu Verfügbarkeit, Standards, Qualität, Schnittstellen zu Datenbeständen sowie von der öffentlichen Hand (auf unterschiedlichen föderalen Ebenen) gepflegte Register und Stammdaten (wie beispielsweise das Betriebs- und Unternehmensregister BUR, das Eidgenössische Gebäude- und Wohnungsregister GWR und Personenregister in den Gemeinden).
Als nächstes schilderte Daniel Markwalder von der Bundeskanzlei die «Strategie und Politik zu Daten aus Sicht des Bundes». Zwei Kernanliegen waren: Der Nutzen von Daten multipliziert sich mit guter und datenschutzkonformer Vernetzung. Und: Wir brauchen qualitativ hochstehende Daten bzw. müssen zumindest die Qualität von Daten kennen. Mit beidem bin ich sehr einverstanden. Das vom Bund mit dem Bundesratsbeschluss vom Dezember 2023 angestrebte Datenökosystem der Schweiz ist die künftige Gesamtheit der nationalen Datenräume (im Sinn von technischen und organisatorischen Konstrukten). Daniel Markwalder nannte ÖV-Daten, Wetter- und Klimadaten sowie Energiedaten als Erfolgsbeispiele von bereits heute in der Schweiz gut vernetzten Daten.
Matthias Michel, Ständerat des Kantons Zug, ging in seinem Input-Referat «Digital first – wo steht die Digitalisierungspolitik des Bundes?» auf Innovations-Vorbilder für die Schweiz ein (zum Beispiel Skandinavien und Singapur). Er postulierte eine demokratiepolitische Ebene, eine Verwaltunsebene und die Ebene der Interaktion von Wirtschaft, Privaten und der Verwaltung (e-Government) als Orte mit Handlungsbedarf. Aus meiner Sicht interessant war, dass er zu ausgeprägten Föderalismus als potenzielle Herausforderung identifizierte. Das machte er unter andem an den Erkenntnissen der Administrativuntersuchung zum «Verrechner» bezüglich Wähleranteilen bei den Wahlen 2023 fest. Spannend in diesem Zusammenhang war auch der Verweis auf die (lesenswerte!) vom Kanton St.Gallen eingebrachte Standesinitative 24.312 «Digitale Transformation schweizweit mit gebündelten Kräften angehen!».

Über den restlichen Tag verteilt erfolgten diverse weitere interessante Denkanstösse – zum Beispiel:
- zum Point of Contact (und zu Förderinstrumenten) für das Schweizer Datenökosystem (Input von Thomas Schneider vom BAKOM sowie von Otto Bruun bzw. Cyrille Gattiker von der Bundeskanzlei)
- zu Daten und Künstlicher Intelligenz in der Gesundheitsversorgung (Input von Thomas Zaugg von Roche)
- zur Umsetzung eines Datenraums der Automobil-Industrie in Deutschland (Input von Marius Pohl von Cofinity-X)
- zur Bedeutung von (guten und aussagekräftigen) Daten für das Ausschöpfen von Optimierungspotenzialen in der Logistik (Input von Roland Kühnelt von Planzer) und
- zur nationalen Mobilitätsdateninfrastruktur (MODI) (Input von Christa Hostettler vom BAV und von Sigrid Pirkelbauer vom ASTRA)

Workshop-Tracks

Am Morgen und am Nachmittag konnten die Teilnehmenden zudem aus mehreren Workshop-Tracks wählen. Ich habe mich in die Diskussionen zu «Mobilität» und zu «Geo, Weather, Climate» eingebracht. Die Aufgabe in den Workshops war es, die Erkenntnisse und Empfehlungen aus der eingangs erwähnten Datenräume-Studie zu reflektieren und zu bewerten: «zustimmend» (blaue Post-Its), «ablehnend» (rote Post-Its) oder «bedingt bzw. mit Fragen zustimmend» (gelbe Post-Its). Die Postulate aus der Studie und die schriftlichen Anmerkungen der Teilnehmenden können Sie bei Interesse in der folgenden Galerie anschauen.
Fazit
Mein Fazit vom Tag:
- Teilnehmendenschaft: Das Organisationskomitee konnte eine gut durchmische Teilnehmendenschaft motivieren. Diese war zusammengesetzt aus Verwaltung, Privatwirtschaft und Forschung. Ich war letztes Jahr nicht am Forum, aber offenbar war die Mischung der Teilnehmenden dieses Jahr ausgeglichener und letztes Jahr stärker von der öffentlichen Hand dominiert. Der «Coffee-Track» (das Anstehen an der Kaffeemaschine und der dabei stattfindende Austausch) bleibt unterschätzter, essenzieller und wertvoller Konferenz-Bestandteil!
- Nutzung der Studie: Die Studie konnte ich in der kurzen uns gegeben Zeit (und während der laufenden Konferenz!) nicht vertieft studieren und verarbeiten. Die Übungsanlage, die in den Workshops zur kritischen Auseinandersetzung damit einlud, fand ich deshalb sehr schade. In beiden Workshops kam dank der breit gefächerten Teilnehmendenschaft dann doch eine gute Diskussion zustande. Eine Vorlaufzeit von einigen Tagen wäre aber dennoch wertvoll gewesen und hätte die Erkenntnistiefe sicherlich verbessert.
- Verbindlichkeit: Mechanismen für Anreize bzw. das Schaffen von Verbindlichkeit für das Teilen von Daten in Datenräumen sind in der Schweiz für viele Themen noch nicht geklärt. Dieser Punkt aus der Studie und Diskussion hat mich etwas enttäuscht, stellt doch die Studie in dieser Hinsicht kaum mehr fest als ein Papier, das ich vor sieben bis acht Jahren mit-verfasst habe. Ich hatte gehofft, hier sei die Diskussion unterdessen weiter fortgeschritten.
- Begriffliches: Der in manchen Zusammenhängen recht unscharf und etwas «wabbernd» eingesetzte Begriff von «Datenräumen» wurde am Forum für alle Anwesenden konkret. Insbesondere auch Perspektiven von ausserhalb der Schweiz (zum Beispiel Deutschland) fand ich in dieser Hinsicht sehr bereichernd.
- Vorbilder nutzen: Andere Länder sind teilweise (deutlich) weiter im Thema als die Schweiz. Wir rollen im guten Fall quasi das Feld von hinten auf. Ich hoffe sehr, dass wir den Mut fassen, links und rechts zu schauen und nicht alles von Grund auf neu erfinden bzw. mit einem «Swiss Finish» versehen und dafür die Umsetzung verzögern.
- Interdisziplinarität: Dass man sich und «sein» Themenfeld (für mich unter anderem räumliche Daten) in Gesprächen an der Konferenz manchmal etwas einführen und erläutern musste, klingt vielleicht erst etwas mühsam. Ich empfand es aber sowohl auf der Sender- als auch auf der Empfängerseite bereichernd. Und so unterschiedlich, wie man vielleicht denken könnte, sind die Herausforderungen in den verschiedenen «Tortenstücken» des «Datenkuchens» definitiv nicht. Die Konferenz konnte hier den Horizont öffnen.
- KI versus Daten: Obwohl Künstliche Intelligenz höchste «Management Attention» geniesst, ist das Vorhandensein von (guten) Daten als Vorbedingung viel weniger im Bewusstsein der Entscheidungsträgerinnen und Entscheidungsträger. Das mag Daten-«Nerds» manchmal überraschen. Diesen Umstand zu ändern ist aber definitiv eine Aufgabe für alle an Datenräumen Interessierten.










